free sugar-free, film screening project, Burkina Faso 2008        
               
        Im Winter 2006/07 habe ich ein Filmprojekt entwickelt, in dessen Zentrum die Landwirtschaft von Burkina Faso unter den Bedingungen der globalisierten Ökonomie steht. Dazu habe ich Gespräche mit Baumwollproduzenten und -produzentinnen in verschiedenen Teilen des Landes gesucht und aufgezeichnet. Die Gespräche wurden in den Landessprachen Gour, Dioula und Mooré geführt und vice versa wieder in Gour, Dioula und Mooré, sowie auch ins Französische und Deutsche übersetzt. Im Frühling 2008 habe ich dann gemeinsam mit dem Bio-Baumwollproduzenten Paul Gbangou aus Fada N'Gourma, eine Reise in verschiedene Dörfer unternommen und den Film (DV, 55min) zur Diskussion präsentiert.     
               
        In 2006/07 I have developed a film project (sugar-free / sans soucre, DV, 55 min), that centers around agriculture under the conditions of globalized economy. Therefore, I have recorded conversations with cotton farmers in different parts of the country. The conversations have been held in some main languages of the country, Gourmansché, Dioula, French and Mooré and vise versa translated in Gourmansché, Dioula and Mooré.
In the spring 2008, together with the bio-cotton-farmer Paul Gbangou from Fada N‘Gourma, I have been travelling to different villages and presented the film for discussion.
   
               
           
               
           
               
     

Westafrika produziert insgesamt nur 4% des weltweiten Anbauvolumens von Baumwolle. Gewöhnlich erfolgt der Anbau auf Flächen bis zu 2-4 Hektar ohne Einsatz von Maschinen und ohne künstliche Bewässerung, so dass die Ertragsmengen erheblich vom Niederschlag abhängen. Der kleinflächige Anbau von Baumwolle, welche auch als “Cash-Crop", also Pflanze die man verkaufen kann, bezeichnet wird, hilft den Kleinbauern ein geringes Einkommen zu erwirtschaften. Das sichert zwar nicht die Lebensgrundlage, gibt aber die Möglichkeit, kulturelle Notwendigkeiten: wie Feste, Medikamente oder den Schulbesuch der Kinder zu finanzieren.
Trotz des geringen Volumens ist Baumwolle der wesentlicheste Bestandteil der Volkswirtschaft in Burkina Faso und die einzig nennenswerte Deviseneinnahme des Landes. In den Fabriken der drei Unternehmen Sofitex, Faso-Coton und Socoma wird die Baumwolle entkernt, gewogen und zum Export vorbereitet.
Das französische und ehemals einzige Baumwollunternehmen Sofitex wurde 1919 unter der Bezeichnung CFDT (Compagnie Française pour le Développement des Textiles) von den französischen Kolonialsten gegründet und nach der Unabhängigkeit nationalisiert. Zehn Jahre später, 1970 gehörten 44% des Unternehmens bereits wieder der CFDT. In den 80ziger Jahren, während der kurzen Zeit der Revolution unter Thomas Sankara, sank der Anteil der CFDT auf 34% und das Unternehmen erzielte die höchsten Gewinne. Nach der Konterrevolution von
1989, die von den westlichen Nationen unterstützt wurde, flossen die Devisen wieder in die Taschen der Unterhändler. 2003 wurde das Unternehmen durch ein Programm des Internationalen Währungsfonds privatisiert und in drei private Unternehmen aufgeteilt: Sofitex, Faso-Coton und Socoma. Hauptaktionär bei Sofitex ist wieder Dagris (ex-CFDT) mit 34%, der burkinische Staat mit 35% und nun auch mit 30% der UNPCB (Union Nationale des Producteurs du Coton du Burkina), die Gewerkschaft der Baumwollanbauer in Burkina.
Um den Baumwollanbau als Anbaumethode zu privilegieren, sind die einzigen Kredite, die von den Banken vergeben werden, die für den Anbau von Baumwolle und ausschließlich den Männern vorbehalten. Die ehemalige Kolonie fährt damit fort, geizige Monopole aufrecht zu erhalten, die sie von ihren früheren Kolonialherren geerbt hat. Sie garantiert die Abnahme des Produkts und legt den Einkauf zu einem sehr geringen festen Preis fest. Hier unterscheiden sich die französischen von ehemalig britisch kolonisierte Ländern, wo alles auf einem so genannten “freien Markt" verkauft und gekauft wird. In Burkina werden die Kredite für Dünger und Pestizide nach der Ernte von dem Ertrag abgezogen. Es kommt vor, dass die Einnahmen geringer als der Kredit sind und die Bauern gezwungen werden anderweitig Geld zu beschaffen. So sind die Bauern unfreier und unterprivilegierter als Fabrikarbeiter. Die Fabrikarbeiter stellen die wohlhabende Fraktion des Volkes dar. Allerdings wurden die wenigen weiterverarbeitenden Textilindustrien, die es gab, geschlossen. So werden 95% der Baumwolle als Rohstoff exportiert. Burkina Faso bleibt weiterhin darauf ausgerichtet, neben Baumwolle, Sesam und Erdnüssen, Rohstoffe auf den Weltmarkt zu exportieren. Das zeigt wie bereits Franz Fanon 1961 analysierte, dass nach der Unabhängigkeit die Wirtschaft nicht umorientiert wurde. Nur dass im Unterschied zu früher, Burkina durch die Öffnung der Märkte nun selbst zum Markt geworden ist und Stoffe und andere Produkte aus Indien und China einführt. Investition, Modernisierung oder eine tief greifende Umwälzung der Verhältnisse waren nur kurzzeitig während der Revolution in den 1980ziger Jahren ein politisches Ziel.
Der Lebensstandard der Bauern ist nach fast 50 Jahren Unabhängigkeit auf dem Status der Zeit während der Kolonisation verblieben. Vielmehr wurde die Ausbeutung verschärft und durch die nationale Einheit legitimiert. Die Gewerkschaften suchen den Kontakt zu den Bauern, nicht um sie zu organisieren, sondern um von ihnen eine gewaltige Arbeitsleistung zu verlangen. An der Ausbeutung der Bauern beteiligt versperren sich die Gewerkschaften jede wirkliche gewerkschaftliche Tätigkeit. Es besteht also ein Missverhältnis zwischen der Bedeutung der Gewerkschaften und der Landbevölkerung. Der Präsident der Gewerkschaft Francois Traoré behauptet ständig in einer Form des self-otherings selbst "Bauer" zu sein, ist aber in Wirklichkeit Grossgrundbesitzer und Kandidat für die Regierungsmacht. Er agitiert auf den G8-Treffen in Hong Kong und Cancun als Bauernrebell, ist aber selbst Aktionäre bei den Baumwollgesellschaften. Die Gewerkschaften sind völlig von der ländlichen Bevölkerung isoliert und unfähig wirklich zu agitieren, und nehmen immer eindeutiger die politische Position der Regierungsmacht ein. Nachdem die Kamera ausgeschaltet ist, sagt der Gewerkschaftspräsident: “Die Bauern sollen mehr arbeiten". Alle Objekte transformieren sich ohne uns darüber zu unterrichten.
Über den eigenen Kontext hinaus haben die lokalen Eliten natürlich keine Macht, die mit den westlichen Eliten vergleichbar wäre. So sind sie hilflos gegen die Hochsubventionierung der Agrarprodukte aus den USA und der Europäische Union, welche die Preise für Baumwolle unter die Produktionskosten drücken. Seit Beginn der Baumwollkrise 2003 "experimentiert" das US-amerikanische Unternehmen Monsanto auch in Burkina Faso mit genetisch modifizierter Baumwolle und wird dabei von der Regierung und den Gewerkschaften unterstützt. Effekte und Praxen sind kontextspezifisch.
Nicht dass konventionelle Baumwolle ohne Problem anzubauen wäre. Auf der ökologischen Ebene ist sie wegen des hohen Einsatzes von Pestiziden und Dünger sehr unverträglich. Viele Bauern sterben durch Unfälle oder Langzeitvergiftung. Baumwolle mag keinen Schatten und benötigt große Mengen Wasser, was besonders für die Länder der Sahelzone ein Problem bedeutet. Der Anbau der gentechnisch veränderten Baumwolle findet ohne die Verwendung von Pestiziden statt, scheint also für die Gesundheit der Produzenten zunächst besser zu sein. Der Pflanze wird das Gen eines Bakteriums eingesetzt: Bacillus thuringiensis. So produziert sie selbst ein Insektizid, das gegen die Kapselraupe wirkt. Kaum nagen die Raupen an einem Blatt, sterben sie durch das darin enthaltene Bt-Toxin. Die Abhängigkeit von Dünger und Pestiziden wird mit der Abhängigkeit von patentierten Baumwollsamen ausgetauscht. Ein Unterschied ist, dass die Baumwolle von den Unternehmen nach Gewicht bezahlt wird und ohne Kerne weniger wiegt, die Bauern also pro Kilo weniger verdienen. Der zweite Unterschied ist, dass es keine Samen gibt der nach der Ernte zur Ernährung oder Aussaat weiterverarbeitet werden könnte. Und da die Felder in keiner Weise von der restlichen Umwelt laborähnlich abgeschirmt und isolierte sind, sterben nicht nur Insekten, sondern auch kleinere und grössere Tiere an den giftigen Blättern. Und somit ist die ganze Ernährungskette bis hin zum Menschen kontaminiert.
Nicht dass Halbwissen schlecht wäre, aber die Ingenieure der Firma Sofitex versuchen ohne Prüfung der Fakten, die Bauern schnellst möglich zum Anbau von genetisch modifizierter Baumwolle zu bewegen. Gemeinsam mit der Gewerkschaft kontrollieren
sie die Information, die zu den Bauern gelangt und haben kein Interesse daran, vorhandene alternative Möglichkeiten des Anbaus zu diskutieren.


Den vielen halbherzigen Versuchen der NGOs und der Entwicklungshilfedienste, die ländliche Bevölkerung zu organisieren, haben die Bauern "von aller Ewigkeit her und infolge unzähliger Tricks und Auspendelungen, die an Taschenspielertricks erinnern, hatten die Bauern ihre Subjektivität dem kolonialen Zugriff weitgehend entziehen können. Sie konnten schließlich glauben, daß der Kolonialismus nicht wirklich Sieger geblieben sei.
Der Stolz der Bauern, seine Weigerung in die Städte hinunterzugehen, mit der von Fremden aufgebauten Welt in Berührung zu kommen, seine ständige Rückzugsbewegung beim Herannahen den Vertreter der Kolonialverwaltung, bedeutet immer noch dass er sich der Dichotomie des Kolonialherrn seine eigene Dichotomie entgegensetzte." (Franz Fanon, Die Verdammten dieser Erde, Frankfurt a.M., 1981, S.118)


Im China des Kaisers Wu 90 Jahre v. Chr. brauchte es 23 Jahre, um einen kleineren Deichbruch zu schließen.

Die Bauern verteidigen ihre Tradition und beschämen die städtische Gesellschaft damit, dass ihre soziale Struktur eine uneigennützige und gemeinschaftliche geblieben ist. Aber die Verhältnisse stellen die Bauern vor unlösbare Probleme und drängen die überzähligen Menschen an den Rand der Städte. Doch das Schweigen der Stadt, die Fortsetzung des alltäglichen Trotts, macht auf die Bauern einen schmerzlichen Eindruck. Sie verstehen nicht, dass eine ganze Gesellschaft sich damit begnügt, den Ausgang des Spiels abzuwarten. Die Bauern wissen, dass es eine Vielfalt von Realitäten gibt, die manchmal divergieren und die antagonistisch sind. Sie stellen erneut fest dass Ausbeutung einen nationalen Anstrich bekommen hat und erkennen, dass diese schwarze Bruderschaft von ihrem Unglück profitiert. Dass sie die materielle Not der Bauern nicht berührt, sondern ihre lokale Macht sogar verstärkt und rufen: “Haltet den Dieb!". Aber damit werden auch sie die Konzentration des Kapitals und die Monopolisierung der Bedeutung von Leben, Reproduktion und Arbeit nicht verhindern.

 

Diese Projekt konnte nur realisiert werden mit der freundlichen Unterstützung von:



dem baumwollverein súgrì nòmà,
francois traoré,
dr. elisée ouedragogo,
paul gbangou,

eric segueda,
christoph blanc,
ousmane tiendrebéogo,
clément drabo,
isidor ouedraogo,
florence meyer,
olaf hochherz,

ara stielau,
dr. gilbert zomahoun,
jan schreiber,
vincent meessen,

abou drabo,
DED/burkina faso,

KODAK/berlin,
no-budget filmproduktion/berlin,


Aktionsgemeinschaft Solidarische Welt e.V./ ASW
Stiftung Umverteilen