Westafrika
produziert insgesamt nur 4% des weltweiten Anbauvolumens von Baumwolle.
Gewöhnlich erfolgt der Anbau auf Flächen bis zu
2-4 Hektar ohne Einsatz von Maschinen und ohne künstliche Bewässerung,
so dass die Ertragsmengen erheblich vom Niederschlag abhängen. Der
kleinflächige Anbau von Baumwolle, welche auch als “Cash-Crop",
also Pflanze die man verkaufen kann, bezeichnet wird, hilft den Kleinbauern
ein geringes Einkommen zu erwirtschaften. Das sichert zwar nicht die
Lebensgrundlage, gibt aber die Möglichkeit, kulturelle Notwendigkeiten:
wie Feste, Medikamente oder den Schulbesuch der Kinder zu finanzieren.
Trotz des geringen Volumens ist Baumwolle der wesentlicheste Bestandteil
der Volkswirtschaft in Burkina Faso und die einzig nennenswerte Deviseneinnahme
des Landes. In den Fabriken
der drei Unternehmen Sofitex, Faso-Coton und Socoma wird die Baumwolle
entkernt, gewogen und zum Export vorbereitet.
Das französische und ehemals einzige Baumwollunternehmen Sofitex
wurde 1919 unter der Bezeichnung CFDT (Compagnie Française pour
le Développement
des Textiles) von den französischen Kolonialsten gegründet
und nach der Unabhängigkeit nationalisiert. Zehn Jahre später,
1970 gehörten 44% des Unternehmens bereits wieder der CFDT. In den
80ziger Jahren, während der kurzen Zeit der Revolution unter Thomas
Sankara, sank der Anteil der CFDT auf 34% und das Unternehmen erzielte
die höchsten Gewinne. Nach der Konterrevolution von 1989, die
von den westlichen Nationen unterstützt wurde, flossen die Devisen wieder
in
die Taschen
der Unterhändler.
2003 wurde das Unternehmen durch ein Programm des Internationalen Währungsfonds
privatisiert und in drei private Unternehmen aufgeteilt: Sofitex, Faso-Coton
und Socoma. Hauptaktionär bei Sofitex ist wieder Dagris (ex-CFDT)
mit 34%, der burkinische Staat mit 35% und nun auch mit 30% der UNPCB
(Union Nationale des Producteurs du Coton du Burkina), die Gewerkschaft
der Baumwollanbauer in Burkina.
Um den Baumwollanbau als Anbaumethode zu privilegieren, sind die einzigen
Kredite, die von den Banken vergeben werden, die für den Anbau von
Baumwolle und ausschließlich den Männern vorbehalten. Die
ehemalige Kolonie fährt damit fort, geizige Monopole aufrecht zu
erhalten, die sie von ihren früheren Kolonialherren geerbt hat.
Sie garantiert die Abnahme des Produkts und legt den Einkauf zu einem
sehr geringen festen Preis fest. Hier unterscheiden sich die französischen
von ehemalig britisch kolonisierte Ländern, wo alles auf einem so
genannten “freien Markt" verkauft und gekauft wird. In Burkina
werden die Kredite für Dünger und Pestizide nach der Ernte
von dem Ertrag abgezogen. Es kommt vor, dass die Einnahmen geringer als
der Kredit sind und die Bauern gezwungen werden anderweitig Geld zu beschaffen.
So sind die Bauern unfreier und unterprivilegierter als Fabrikarbeiter.
Die Fabrikarbeiter stellen die wohlhabende Fraktion des Volkes dar. Allerdings
wurden die wenigen weiterverarbeitenden Textilindustrien, die es gab,
geschlossen. So werden 95% der Baumwolle als Rohstoff exportiert. Burkina
Faso bleibt weiterhin darauf ausgerichtet, neben Baumwolle, Sesam und
Erdnüssen, Rohstoffe auf den Weltmarkt zu exportieren.
Das zeigt wie bereits Franz Fanon 1961 analysierte, dass nach der Unabhängigkeit
die Wirtschaft nicht umorientiert wurde. Nur dass im Unterschied zu früher,
Burkina durch die Öffnung
der Märkte nun selbst zum Markt geworden ist und Stoffe und andere
Produkte aus Indien und China einführt. Investition, Modernisierung
oder eine tief greifende Umwälzung der Verhältnisse waren nur
kurzzeitig während der Revolution in den 1980ziger Jahren ein politisches
Ziel.
Der Lebensstandard der Bauern ist nach fast
50 Jahren Unabhängigkeit auf dem Status der Zeit während der
Kolonisation verblieben. Vielmehr wurde die Ausbeutung verschärft
und durch die nationale Einheit legitimiert. Die
Gewerkschaften suchen den Kontakt
zu den Bauern, nicht um sie zu organisieren,
sondern um von
ihnen eine
gewaltige Arbeitsleistung zu verlangen. An der Ausbeutung der Bauern
beteiligt versperren sich die Gewerkschaften jede wirkliche gewerkschaftliche
Tätigkeit.
Es besteht also ein Missverhältnis zwischen der Bedeutung der Gewerkschaften
und der Landbevölkerung. Der Präsident der Gewerkschaft Francois
Traoré behauptet ständig in einer Form des self-otherings selbst "Bauer" zu
sein, ist aber in Wirklichkeit Grossgrundbesitzer und Kandidat für
die Regierungsmacht. Er agitiert auf den G8-Treffen in Hong Kong
und Cancun als Bauernrebell, ist aber selbst Aktionäre bei den
Baumwollgesellschaften. Die Gewerkschaften sind völlig von
der ländlichen Bevölkerung
isoliert und unfähig wirklich zu agitieren, und nehmen immer
eindeutiger die politische Position der Regierungsmacht ein. Nachdem
die Kamera ausgeschaltet
ist,
sagt der Gewerkschaftspräsident: “Die Bauern sollen mehr arbeiten".
Alle Objekte transformieren sich ohne uns darüber zu unterrichten.
Über den eigenen Kontext hinaus haben die lokalen Eliten natürlich
keine Macht, die mit den westlichen Eliten vergleichbar wäre. So
sind sie hilflos gegen die Hochsubventionierung der Agrarprodukte
aus den USA und der Europäische Union, welche die Preise für
Baumwolle unter die Produktionskosten drücken. Seit Beginn der Baumwollkrise
2003 "experimentiert" das US-amerikanische Unternehmen Monsanto auch
in Burkina Faso mit genetisch modifizierter Baumwolle und wird dabei
von
der Regierung und den Gewerkschaften unterstützt. Effekte und Praxen
sind kontextspezifisch.
Nicht dass konventionelle Baumwolle ohne Problem anzubauen wäre.
Auf der ökologischen
Ebene ist sie wegen des hohen Einsatzes von Pestiziden und Dünger
sehr unverträglich. Viele Bauern sterben durch Unfälle oder
Langzeitvergiftung. Baumwolle mag keinen Schatten und
benötigt
große
Mengen Wasser, was besonders für die Länder der Sahelzone ein
Problem bedeutet. Der Anbau der gentechnisch veränderten Baumwolle
findet ohne die Verwendung von Pestiziden statt, scheint also für
die Gesundheit der Produzenten zunächst besser zu sein. Der Pflanze
wird das Gen eines Bakteriums eingesetzt: Bacillus thuringiensis. So
produziert sie selbst ein Insektizid, das gegen die Kapselraupe wirkt.
Kaum nagen die Raupen an einem Blatt, sterben sie durch das darin enthaltene
Bt-Toxin. Die Abhängigkeit von Dünger und Pestiziden wird mit
der Abhängigkeit von patentierten Baumwollsamen ausgetauscht. Ein
Unterschied ist, dass die Baumwolle von den Unternehmen nach Gewicht
bezahlt wird und ohne Kerne weniger wiegt, die Bauern also pro Kilo weniger
verdienen. Der zweite Unterschied ist, dass es keine Samen gibt der nach
der Ernte zur Ernährung oder Aussaat weiterverarbeitet werden könnte.
Und da die Felder in keiner Weise von der restlichen Umwelt laborähnlich
abgeschirmt und isolierte sind, sterben nicht nur Insekten, sondern auch
kleinere und grössere Tiere an den giftigen Blättern. Und somit
ist die ganze Ernährungskette bis hin zum Menschen kontaminiert.
Nicht dass Halbwissen schlecht wäre, aber die Ingenieure der Firma
Sofitex versuchen ohne Prüfung der Fakten, die Bauern schnellst
möglich zum Anbau von genetisch modifizierter Baumwolle zu bewegen.
Gemeinsam mit der Gewerkschaft kontrollieren sie die
Information, die zu den Bauern gelangt
und haben kein Interesse daran,
vorhandene alternative Möglichkeiten des Anbaus zu diskutieren.
Den vielen halbherzigen Versuchen der NGOs
und der Entwicklungshilfedienste, die ländliche Bevölkerung
zu organisieren, haben die Bauern "von aller Ewigkeit her und infolge
unzähliger Tricks und Auspendelungen, die an Taschenspielertricks
erinnern, hatten die Bauern ihre Subjektivität dem kolonialen
Zugriff weitgehend entziehen können. Sie konnten schließlich glauben,
daß der Kolonialismus nicht wirklich Sieger geblieben sei. Der
Stolz der Bauern, seine Weigerung in die Städte hinunterzugehen,
mit der von Fremden aufgebauten Welt in Berührung zu kommen, seine
ständige
Rückzugsbewegung
beim Herannahen den Vertreter der Kolonialverwaltung, bedeutet immer
noch dass er sich der Dichotomie des Kolonialherrn seine eigene
Dichotomie entgegensetzte." (Franz Fanon, Die Verdammten dieser
Erde,
Frankfurt a.M., 1981, S.118)
Im China des Kaisers Wu 90 Jahre v. Chr. brauchte es 23 Jahre, um einen
kleineren Deichbruch zu schließen.
Die Bauern verteidigen
ihre Tradition und beschämen die
städtische Gesellschaft damit, dass ihre soziale Struktur
eine uneigennützige
und gemeinschaftliche geblieben ist. Aber die Verhältnisse
stellen die Bauern vor unlösbare Probleme und drängen die überzähligen
Menschen an den Rand der Städte. Doch das Schweigen der Stadt,
die Fortsetzung des alltäglichen Trotts, macht auf die Bauern
einen schmerzlichen Eindruck. Sie verstehen nicht, dass eine ganze
Gesellschaft
sich damit begnügt, den Ausgang des Spiels abzuwarten. Die Bauern
wissen, dass es eine Vielfalt von Realitäten gibt, die manchmal
divergieren und die antagonistisch sind. Sie stellen erneut fest
dass Ausbeutung einen nationalen Anstrich bekommen hat und erkennen,
dass
diese schwarze
Bruderschaft von ihrem Unglück profitiert. Dass sie die materielle
Not der Bauern nicht berührt, sondern ihre lokale Macht sogar
verstärkt
und rufen: “Haltet den Dieb!". Aber damit werden auch
sie die Konzentration des Kapitals und die Monopolisierung der Bedeutung
von Leben, Reproduktion und Arbeit nicht verhindern.
Diese Projekt konnte nur realisiert werden mit der freundlichen Unterstützung
von:
dem baumwollverein súgrì nòmà,
francois traoré,
dr. elisée ouedragogo,
paul gbangou,
eric segueda,
christoph blanc,
ousmane tiendrebéogo,
clément drabo,
isidor ouedraogo,
florence meyer,
olaf hochherz,
ara stielau,
dr. gilbert zomahoun,
jan schreiber,
vincent meessen,
abou drabo,
DED/burkina faso,
KODAK/berlin,
no-budget filmproduktion/berlin,
Aktionsgemeinschaft Solidarische Welt e.V./ ASW
Stiftung Umverteilen