Carissa Rodriguez

STEADY DIET OF NOTHING


Liebe/r Künstler/in
I hate, you hate. Wie kann Kultur uns unsere Körper zurückgeben, obwohl sie sich
nach wie vor davor bewahrt, andere Körper jemals zu berühren, zu bewegen, zu
erregen, so dass diese sich ein wenig ineinander verlieren könnten oder was auch
immer? Wir versuchen uns einander anzunähern aber wie kommt es, dass ich
so distanziert geworden bin, so leer, so falsch? Was passiert in dieser seltsamen
Zeit, da alles, was wir zu teilen lernen eine Ansammlung ist von gebildeten, glatten,
selbstgefälligen Arten zu sagen, dass Entfremdung entfremdet? Wir klonen
und dekorieren uns gegenseitig unsere hohle Rhetorik um den gesellschaftlichen
Leichnam, bis nichts mehr da ist außer unserer geteilten, stählernen Kälte, einer
bösartigen Stille. Ein anämischer Schrei erfüllt den Leichnam. Treten will ich die
toten Überreste all dessen, was die Vergangenheit versprach und was der Gegenwart
in ihrer menschenfeindlichen Pracht fehlt. Ich will aufschreien. Ich will tiefer
in die Zuckungen von irgendetwas eindringen. Du nicht auch, liebe/r Künstler/in?
Wer will Schönheit, wenn wir zusammen das Hässliche tun können?


Liebe/r Künstler/in
Was ist mit dem Gespräch zum Wunsch nach Intimität passiert? Scheint sich
mit dem Klang unserer Stimmen, die sich durch was auch immer für eine graue,
zwiespältige Masse schält auch ein gemeinsames lebendiges Verlangen zu befördern?
Wenn eine Theorie an einen schöpferischen Akt angehängt wird, um ihn innerhalb
einer Konsum-Kette für gültig zu erklären, wird noch eine weitere falsche
Begegnung auf einer Kultur aufgeführt, die unter dem Moder eben dieser Worte
verrottet. Mit welcher anderen Sprache die prahlerische Sprache wegstoßen? Meine
Erfahrung deiner Energie in Worte zu verpacken wäre ein Diebstahl von deinem
und meinen Geist. In Freundschaft und Konspiration batest du mich hier in
diesem Raum zu sein. Ein banger Raum. Meine Gedanken mögen fehlgeleitet sein,
jugendlich, schlecht verstanden und bis ins Innerste verdorben, aber etwas anderes
wird die Einladung erfüllen, ein anderes Überbleibsel unserer Anrufung, Berufung,
Generation, Gentrifizierung, unseres einsamen, uneleganten Widerstand
gegen all das.


Liebe/r Künstler/in
How to learn to like the same. Wir verkaufen uns, wenn wir nicht wissen wie wir uns
schenken sollen. Durch dich habe ich verstanden, dass es die Grenze zwischen Verkaufen
und Schenken ist, die Askese umreißt, eine beständige Ausrichtung des
Willens auf subjektive Auslöschung, die alles zurückweist, was dich zu einem lesbaren,
käuflichen Ding zu verhärten droht. Ich spüre die Erschütterungen eines
asketischen Verlangens in deinem Handeln, einen Hunger nach etwas Extremem,
um dich vor Angriffen des Lebens zu schützen, welches von Ökonomien beherrscht
wird, die es schwächen. Die Askese ist verführerisch, weil sie nach Reinheit strebt,
doch Reinheit wird häufig durch die gröbsten Vereinfachungen ausgedrückt. Der
Asket gibt sich selbst auf als die reinste Form des Protests, aber wie viel Selbstgefälligkeit
benötigt totale Selbstverleugnung? Obwohl du dich vom Idealismus
des destruktiven Charakters verführen lässt, verlagerst du deinen Hunger auf
Militanz auf verdeckte vielschichtige Praktiken, die im Kampf, die soziale Funktion
der Kunst zu erneuern, beweglich bleiben. Indem du die distanzierte kritische
Rolle hinter dir lässt, folgst du mit Widersprüchen gefüllten Versuchungen
– Gesundheits diäten, Darstellungen von toten und untoten politischen Aktionen,
Produkten, die danach trachten Gegen-Produkte zu sein, die Plünderung der Popasceticism,
Kultur – all das, um in scheinbar stagnierenden oder ausbeuterischen Formen neue
kommunikative Strategien aufzustöbern. Deine Kunst wird zu einer Form des Aktivismus,
der es sich zur Aufgabe macht, den ‘natürlichen’ Fluss der Konsumption
und den historischen Fortschritt zu überlisten, indem sein normalisierter Rhythmus
durcheinander gebracht wird. Den Leichnam zum Reden bringen. Deine Interventionen:
Lieder, Texte, Poster, gemeinsame Diäten, räumliche Operationen und
ö ffentliche Denkmäler werden zusammengesetzt wie Antikörper und experimentieren
mit der Übermittelbarkeit von Kultur und deren Potential, kollektive Bedürfnisse
ü ber vom Konsumterror verbreitete Pseudo-Bedürfnisse zu befriedigen.
Durch deine Zusammenarbeit mit anderen bist du zum Medium gegen den Begriff
des Produzenten geworden. Vergessen wie man ‘macht’, um besser lernen zu können,
wie man ‘praktiziert’. Praktizieren um gemeinsam lebendig zu sein. Gegen
die Todesstöße des fortgeschrittenen Kapitalismus wird ‘praktizieren’ zu ‘kämpfen’.
Was fängt die Kunstwelt hiermit an?


Liebe/r Künstler/in
Es gab eine Zeit, in der – auf der Jagd nach unbekannter Schönheit und Wahrheit
– der Kampf romantisch war, mystisch und notwendig war. Die Gesellschaft
benötigte ihre Künstler um eine Art von transzendentem Leiden exemplarisch zu
veranschaulichen. Sie glaubte, je mehr der Künstler in seiner Kunst litt, desto mehr
Wahrheit würde seine Kunst verheißen. Jede Wahrheit hatte ihre Märtyrer. Im Guten
wie im Schlechten hatte das Leiden eine Funktion in der Ökonomie der Kunst.
Kann sich ein durch Macht verblendeter Kunstmarkt einen leidenden Künstler leisten?
Er umarmt die ‘Gewinner’ und braucht trotzdem ‘Verlierer’, die sich an seine
Ränder klammern, um Maß seiner Ambitionen und Objekt seiner gelegentlichen
Wohl tätigkeit zu sein. Um zu dominieren, braucht eine Ökonomie ein gutes Gewissen
und den Mythos, eine alternative Welt zu unterstützen. Unterdrücke Chaos,
Anstrengung und Zweifel. Bleib zufrieden, effizient und kontrolliert. Eine gesunde
Kost die sich aus Wettstreit, Karrierismus und Produkten für die herrschende
Klasse zusammensetzt.


Each
Life
Kills
Each


Martyred
Acts
Reclaim
Hunger
Ö nly
For
Eternal
Revolt


révolutionnaires! il n’y a pas de révolution praktiziert kollektiven Selbstmord in seinem
Hunger nach Erneuerung, eine durchdringende Beschwörung an eine zerstreute
Gemeinschaft. Sein Entstehungsprozess durchläuft dieselben Schritte, die in der
antiken griechischen Technologie des Selbst eine Rolle spielen, eine von den Stoikern
erdachte Meditation, um sich auf Unglück vorzubereiten. Der erste Schritt
bestand darin, sich das schlimmstmögliche Schicksal vorzustellen. Zweitens hatte
man sich die Tragödie nicht als abstraktes Ereignis in der Zukunft vorzustellen,
sondern als etwas Tatsächliches, eine im Hier und Jetzt stattfindende Wirklichkeit.
Schließlich sollte man sich von Enttäuschung frei machen und in Akzeptanz
ü ben. Diese Kombination von befürchtetem Schicksal, einer in die Gegenwart hinein
gefalteten Zukunft und dem Kampf, die Enttäuschung zu überwinden wurde in
einen einzigen Akt tiefer Kontemplation verdichtet, der helfen sollte, die eigenen
Handlungen während gegenwärtiger Entbehrungen zu leiten. In révolutionnaires –
il n’y a pas de révolution
zeigt Elke Marhöfer einen ihr gleichenden Leichnam, der
in ein hypothetisches politisches Drama eingefügt ist: Eine namenlose junge Frau
kommt versehentlich in der Intensität einer randalierenden Masse ums Leben. Die
Leiche bezeichnet einen Bruch mit der linearen Geschichte, sie ist die Aufhebung
der Zeit, von der aus die Möglichkeiten von politischem Aktivismus zu überdenken
sind. Sie ist die untote Gestalt einer radikalen Sehnsucht. Die Melancholie ihrer
Gemeinschaft besteht in deren Scheitern, ihre Vernarrtheit in eine tote politische
Kultur abzuschütteln, deren Fantome in Form von zahllosen Konsumgütern weiterleben.
In Betrachtung seines schlimmsten Schicksals, als Kooption von menschlicher
Mitteilbarkeit in Lebensstile und verkaufbaren Waren – welche kollektive
Hoffnungen betrügen – ist dead body music das zeitlose Leitmotif des révolutionnaires’
und des Leichnams Lebensratschlaggeber, “dead body music - nobody panic –
it’s only dead body music”.
révolutionnaires! il n’y a pas de révolution ist eine Neugestaltung von Paul Thek’s The
Tomb – The Death of a Hippie
(1967). Thek stellte ein Wachsabbild seiner selbst in
einem rosafarbenen Ziggurat-Grab aus, die dem strikten Formalismus des Minimalismus
Hohn sprach. Diese Darstellung einer Selbstopferung (Selbstverstümmelung
und Aushungerung) war der Versuch, mit dem Gefühl der Ohnmacht gegenüber
gesellschaftlichen Veränderungen umzugehen: der gekappten Verbindung der
modernen Welt zu Natur und Intuition, sowie der Enttäuschung über eine losgelöste
Kunstwelt. The Tomb – The Death of a Hippie ist eine Anomalie der Geschichte, da es
sich nicht der kommerziell lebensfähigen minimalistischen Kunst seiner Zeit anpasst
und die niedere und schmutzige Gegenkultur der Hippies in die bürger liche
Kunstwelt hineinzerrt, die das Nichtzubeherrschende nicht zur Kenntnis nehmen
wollte. Schwört révolutionnaires! il n’y a pas de révolution, indem es sich ein Kunstwerk
aneignet, das zu seiner Zeit missverstanden wurde, kommerziellen Ambitionen
ab und zeigt so Solidarität mit Theks Widerspenstigkeit und Desinteresse, ein
in sich stimmiges Produkt zu werden? Und schließt es sich anderen Arbeiten an, die
im selben Geist kämpfen und geschaffen wurden? Stellen wir uns vor, Geschichte
würde rückwärts abgespielt: Würde dann Theks einzige Gemeinschaftsarbeit mit
Warhol als eine mögliche dunkle Zukunft von révolutionnaires! il n’y a pas de révolution
betrachtet werden? Als temporäres Zusammentreffen von Pop und weniger
leicht zu handhabenden ritualistischen/persönlichen/politischen/immateriellen/
marginalen Praktiken veranschaulicht Meat Piece with Warhol Brillo Box (1965) vielleicht
das gespannte Verhältnis von bürgerlicher Kunstwelt und all den marginalisierten
Aktivitäten am besten. Es ist nur kurzer Austausch bevor sie wieder auseinander
gerissen werden zu einer Art Erste-Welt/Dritte-Welt-Antagonismus. Wenn
man bedenkt, wie gefährdet das Überleben von Kunstpraktiken ist, die sich weniger
an den Markttrend angepasst haben, fällt es nicht schwer sich den Leichnam
von révolutionnaires! il n’y a pas de révolution als Kadaver eingerahmt von der Brillo
Box vorzustellen – eine allgegenwärtige Ware und Warhols transzendente Geste der
Signatur. Eine Form der Kunst ist die Oberfläche, die andere ist ihr verrottetes Inneres.
Eine neokonservative Zukunft?
Muss ein Akt des Zitierens seine Quelle töten, um stattfinden zu können? Warum
können Regierungen Oberflächen auf diese Weise handhaben? Bedeutet das,
dass eine Opposition dies auch vermag? Oder besteht ihr Hauptunterschied, sowie
der Grund für das Vorrücken des Staates und den Rückzug der Gegenkultur,
in der Vorstellung, dass Macht eine ontologisch korrupte Größe ist und alles, was
sich ihr entgegenstellt nicht der antithetischen Beziehung entgehen kann und
deshalb zum Scheitern verurteilt ist?
Der Leichnam von révolutionnaires – il n’y a pas de révolution ist nach einer Gruppe
von jungen Radikalen aus der Mittelklasse gestaltet, die zombieartig durch die Ruinen
der enttäuschten Utopie des Paris Mitte der siebziger Jahre treiben. Gerade
erst das Erwachsenenalter erreichend, sind sie wohl noch zu jung, um an den Unruhen
von 1968 teilgenommen zu haben. Nichtsdestotrotz ist ihr Zorn echt. Abscheu
umspannt ihre kollektive Schizo-Existenz. Sie sind Erben der gesellschaftlichen
Katastrophe. Wie die révolutionnaires-Leiche haben die Protagonisten des Films
The Devil, Probably (Bresson) die schönen, dem Untergang geweihten Gesichter von
Heiligen und Märtyrern mittelalterlicher Kunst. Im Versuch, das Leben daran zu hindern,
ihm Jahre der Entfremdung auszuteilen, wird die Hauptfigur von der sich
ausbreitenden Leere verführt. Er sehnt sich danach, sie auszuprobieren, nicht als
wirkliches Ziel, sondern als impulsiven Akt der Jugend, um herauszufinden, ob
sie aufbricht.
Junger Mann: Wenn ich mein Leben verliere, würde ich das hier verlieren! [Er
nimmt einen Zettel aus der Tasche und beginnt abzulesen] Familienplanung. Pauschalreisen,
kulturell, sportlich, sprachlich. Die kultivierte Bibliothek des Menschen.
Alle Sportarten. Wie man ein Kind adoptiert. Eltern-Lehrer-Vereine. Erziehung.
Schulbildung: 0 bis 7 Jahre, 7 bis 14 Jahre. Vorbereitung auf die Ehe, Wehrdienst,
Europa. Auszeichnungen (Insignien der Ehre). Die allein stehende Frau.
Krankheiten: bezahlt. Krankheiten: unbezahlt. Der erfolgreiche Mann. Steuervergünstigungen
für ältere Menschen. Ortstarife, Mietkäufe, Mietradio und -fernsehen.
Kreditkarten. Hausinstandsetzungen. Indexierung. Mehrwertsteuer und der
Konsument … [Er zerknüllt das Papier und wirft es angewidert in den Kamin].
Psychater: Eine starke Depression wird häufig von Appetitlosigkeit begleitet.
Junger Mann: Ich bin nicht depressiv. Ich will nur das Recht, ich selbst zu sein.
Nicht gezwungen werden, aufzugeben mehr zu wollen … echtes Verlangen durch
falsches zu ersetzen, das auf Statistiken basiert. [Der Psychiater beginnt mit seiner
Diagnose des Zustands des jungen Mannes]
Psychater: … würde Ihre psychologische Entwicklung verhindern und würde die
Ursache Ihres Ekels und Ihren Wunsch zu sterben erklären.
Junger Mann: Aber ich will nicht sterben!
Psychater: Natürlich wollen Sie!
Junger Mann: Ich hasse das Leben. Aber ich hasse den Tod ebenfalls. Ich finde es
abstoßend … würde ich Selbstmord begehen … Ich kann mir nicht vorstellen, dass
ich verflucht sein werde, weil ich das Unverständliche nicht verstehe.


Liebe/r Künstler/in,
Has du jemals gefühlt, dass der beste Weg, den Tod zu negieren, der ist, ihn zu deiner
eigenen Schöpfung zu machen?


Übersetzung: Lojang Soenario und Andreas Hiepko