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Diedrich Diederichsen
Unternehmer,
Diktator, Journalist – Künstlermodelle
und ihre Utopien
Gegeben
sei dies: das Thema des Utopischen scheint sich unabhängig
von der politischen Orientierung, ja unabhängig von überhaupt
einer Orientierung auf das Politische hin als Thema vor allem Bildender
Kunst großer Beliebtheit zu erfreuen. Das Motiv des politischen
Utopischen in der Arbeit von Elke Marhöfer wäre hier Ausgangpunkt
wie Endpunkt einiger Überlegungen zu dieser Frage. Wiederkehrendes
Thema ihrer Arbeit sind zunächst historische und zeitgenössische
Akteure, die ein prinzipiell anderes Leben anstreben, sodann die Schnittmenge
von
künstlerisch motivierten mit politisch motivierten Bemühungen
dieser Art und schließlich die existenzielle Komponente: wie weit
jemand sein Leben (oder auch das anderer) riskiert, den eigenen Körper
einsetzt. Damit ist auch weniger die Kategorie des Opfers oder Opferung
gemeint, die in der Geschichte politisch-existenzieller Gruppen eine
große
und oft unerträgliche Rolle spielt, als vielmehr ein Tertium Comparationis
der politischen und der künstlerischen Aktion, durchaus auch in
der Tradition von Fluxus und Aktionskunst: der (eigene) Körper als
Medium, als Material. Die Bearbeitungsformen reichen bei Marhöfer
von kollektiven Experimenten und Paraphrasen auf Stationen der RAF oder
der Hippie-Bewegung
bei Paul Thek bis zu Ernährungsversuchen am eigenen Körper
in Bezug auf politische Hungerstreiks und die „Diäthetik“ der
Gruppe L.A.Raeven.
Im Blick auf die Geschichte dieses Zusammenhangs muss man aber verschiedene
Unterscheidungen vorschalten und immer wieder aufrufen, auch wenn die
von diesen Unterscheidungen getrennten Stränge sich immer wieder miteinander
verwickeln: Da wäre zunächst der rein politisch verstandene Utopismus,
der sich zur Selbstdarstellung, ja zur Selbst-Konstitution immer wieder
gestalterischer und künstlerischer Mittel bedient und so der Möglichkeit
Vorschub leistet, selbst für eine künstlerische Bemühung
gehalten zu werden. Zum zweiten müsste man davon diejenigen künstlerischen
Zusammenschlüsse unterscheiden, die auch ein anderes Leben anstreben,
aber dies gerade nicht als politisch verstehen, sondern die Kunst nur nutzen,
um einen Ort der Darstellung des utopischen Nicht-Ortes zu finden. Denn
nur der besondere Modus der Kunst kann von dieser anderen Welt schon jetzt
sprechen. Für einen dritten Strang geht es schließlich nur um
eine Utopie des Realwerdens der Kunst – was auch immer die Kunst
gerade ist, gemeinsam ist den Vertretern dieses Utopismus, dass eine wirklich
gewordene Kunst die verwirklichte Utopie wäre.
Im 20. Jahrhundert wurde der Komplex der Utopie in der Kunst vor allem
entlang dieses Paradigmas diskutiert, das für den utopischen Moment
der Kunst vor allem ihre (angebliche) Fähigkeit hält, Realität
tatsächlich zu transformieren. Utopie als verwirklichte Kunst. Der
Kunst wird dabei nicht nur die politisch technische Fähigkeit zugetraut,
Verhältnisse zu verändern, sondern vor allem die Aufgabe erteilt
Modelle idealer Verhältnisse zu schaffen. Bruderschaften, Zirkel,
Kreise. Monte Verita, Ugrino, George-Kreis, Big Sur. Diese Projekte werden
im Zusammenhang mit den Avantgarden und ihren Realisierungsideen für
Kunst, sei es durch Revolutionäre, sei es durch Architekten und angewandte
Gestalter, aber auch mit aus den Avantgarden hervorgegangenen sogenannten
Lebenskunstwerken (die eigentlich klassische Gesamtkunstwerke in den meisten
Fällen sind) in jüngerer Vergangenheit (Beuys – Mühl – Nitsch
etc.) erörtert und meist in die Kontinuität linker und sozialrevolutionärer
utopischer Praxis einsortiert.
Ich würde gegen diese Geschichte eher für zwei frühere und
grundlegendere Modelle als maßgeblich für das utopische Denken
in der Kunst plädieren und die oben beschriebenen Realisierungsideen
auch dort, nämlich vor allem in der zweiten Idee, dem Gesamtkunstwerk
eintragen, damit aber gleich diese Praktiken aus den rein linken Avantgarden
entlassen und sie als ambivalente beschreiben, die von rechts wie von links
geentert werden können.
Den drei oben vorgeschlagenen Schaltungen zwischen Kunst und Utopie,
Programm und Verwirklichung müsste man aber noch etwas Anderes voran schicken,
die Beobachtung nämlich, dass auf einer strukturellen Ebene Kunst
an sich, mindestens die autonome Kunst des bürgerlichen Zeitalters
prinzipiell mit einer Zone des Utopischen und des besseren Lebens verbunden
scheint. Diese gilt es zunächst aufzuspüren, um dann den Zusammenhang
mit den einzelnen Typen des utopischen Moments in der Kunst zu rekonstruieren.
Zunächst widme ich mich der Frage, welches strukturelle Moment denn
dieses Thema der Utopie artikuliert. Ich werde zwei Modelle, den Unternehmer-Künstler
und Gesamtkunstwerkler als Vorläufer beschreiben, sodann mir die Frage
stellen, wie es sich mit dem energetischen Produktionsmodell dieser Künstler
in der aufgeklärten Gegenwart verhält: schließlich sind
beides Modelle einer Produktivität durch Verkennung. Am Ende werde
ich versuchen einen Ausblick darauf zu geben, in welchem Verhältnis
thematische und strukturelle Utopie heute zueinander stehen.
Zur strukturellen Utopie: Das Leben der Künstler gilt nach wie vor
als erstrebenswert. Man verbindet es in der Regel vor allem mit der Abwesenheit
von Zwang. Natürlich ist dies der Mythos von der Boheme, an den, direkt
angesprochen, niemand mehr glaubt, aber noch bestimmt er manches Handeln.
Das hat damit zu tun, dass die Abwesenheit von äußerlichem Zwang
in der Kunst oft nur als ein allgemein nachvollziehbarer Grund vorgeschoben
wird: das Drückebergertum der Bohemiens, das versteht jeder, das weiß sich
eines populären Einverständnisses sicher. So gut möchte
ich es auch mal haben. Kann man niemandem vorwerfen. Wer Arbeit kennt und
sich nicht drückt…
Dabei wird, spricht man etwa mit Studierenden, die sich für ein künstlerisches
Studium entschieden haben, ein anderes Moment meist viel höher bewertet:
die Abwesenheit von intellektueller Fremdbestimmtheit. Es geht weniger
darum, der Arbeit zu Rotwein und Wohlleben zu entkommen, es geht um Selbstständigkeit,
einen Beruf ergreifen, bei dem ich Chef bin. Angehende Künstler und
Künstlerinnen erklären einem z.B. auf die Nachfrage, was sie
denn werden wollen, wenn es mit der freien Kunst oder der Spielfilmregie
nicht klappt, oft pragmatisch: „Dann gehe ich eben in die Werbung“ um
aber gleich hinzuzusetzen: „und mache mich selbstständig!“
Man tut, so wird allgemein geglaubt, etwas Sinnvolles, wenn man für
sich statt für den sogenannten Arbeitgeber arbeitet. Ein Künstler
ist nicht mehr der Innbegriff des Verrückten, sondern der des Für-sich-Arbeitenden
und damit ist er, das haben in den letzten Jahrzehnten sowohl die linken
Postfordismus-Kritiker als auch die Kunstabteilungen der Unternehmer-Organisationen
und der großen Konzerne erkannt, das Modell eines freien Unternehmers.
Um diese Parallelisierung zu verstehen und zu akzeptieren, muss man aber
das im Künstlerklischee gedachte unbegründbare Ziel von dessen
verrückter Aktivität mit dem Ziel, Geld zu machen, Profite zu
erwirtschaften gleich setzen. In letzter Instanz ist dies ein ebenso verrücktes,
unbegründbares Ziel, das man nur setzen kann, wie die Obsession eines
Künstlers. Oder anderes: die Obsession ist nur eine unwichtige Einzelheit,
die sich ändern kann und nur eine reaktionäre Kunstkritik überschätzt
die einzelne, konkrete Obsession. Viel wichtiger und auch für den
einzelnen Künstler entscheidend ist das System der Obsessionsbearbeitung
und – durchsetzung und nur in den Unterschieden zwischen diesen Systemen
lässt sich interessant und relevant von den individuellen Unterschieden
unter solchen obsessiven Künstlern sprechen. Aber so wie Künstler
eine gesellschaftlich akzeptierte Form von Verrücktheit war, so ist
Unternehmer der Name der Akzeptanz des im Grunde völlig verrückten
Ziels des Profits um seiner selbst Willen. Man könnte nun zwischen
guter und schlechter Verrücktheit unterscheiden: man ist ja heutzutage
oft gerade in dem Masse Freund der Vernunft oder der Unvernunft wie die
beiden jeweils taugen etwas zu begründen, was man gut findet. Aber
was diese beiden jenseits der Bewertung ihres Tuns gemeinsam haben, ist
dass sie im landläufigen Sinne keinem kollektiven Ziel der Menschheit
dienen: der Unternehmer hat nicht das Ziel das Wohl aller zu mehren, der
(autonome) Künstler nicht das Ziel Schönheit und Intelligenz
im allgemeinen zu verbreiten, sondern beide verfolgen ein individuelles
Ziel. Die bürgerliche Gesellschaft schätzt individuelle Ziele,
aber nur ihre individuelle Form. Was sie nicht schätzt ist die Verbindung
eines Ziels (das vernünftig und für alle gut sein müsste)
mit einer radikalen Individualität. Sie kann dies nur ertragen über
die Ideologie, dass der radikale Eigennutz irgendwann in Gemeinnutz umschlägt.
Der Unternehmer, der die Konfrontation nicht braucht, übernimmt diese
Ideologie, der Künstler weist sie zurück, akzeptiert aber in
der Regel, im Rahmen eines Kulturbegriffs rezipiert zu werden, der genau
dies vertritt.
Auch historisch ist die Genealogie künstlerischer Autonomie unmittelbar
mit der Verwandlung des Künstlers von einem von Auftraggebern abhängigen
Handwerker in einen für den freien Markt produzierenden und mit einer
festen Menge Angestellter arbeitenden Unternehmers verbunden. Autonom wurde
die Kunst in dem Moment, in dem der Künstler nicht für den Geschmack
und die Wünsche eines Einzelnen arbeitet, sondern für eine Abstraktion
des Auftraggebers, die der Markt darstellt. Wie ist das für eine Abstraktion
zu arbeiten? Und wieso ist das so schön und hängt das mit der
vielbeschworenen Freiheit des freien Unternehmers zusammen, wäre also
bloß der Machteffekt, dass man andere für sich arbeiten lässt – egal,
was die dann für mich machen. Die arbeiten für mich und ich arbeite
für die Abstraktion vom Auftraggeber, für den Markt. Bestimmte,
benannte, körperlich anwesende Abhängige sind unter meinem Befehl
hier bei mir. Sie sind unter Kontrolle. Sie geben mir Sicherheit und eine
Verankerung in einer bestimmten für mich günstigen Form von Kollektivität.
Und vor mir, aber nur vor mir liegt so offen wie die See, über die
wir zu fremden Kontinenten fahren, der Markt. Eine endlose und formlose,
doch lebendige und bewegte Ebene mit sanften Dünungen und gekräuselten
Wellen.
Nun setze ich etwas in diesen Ozean. Er umspült es. Bricht sich daran.
Es geht unter, taucht wieder auf, verändert seine Form, behält
sie, wird nass und saugt sich voll, bleibt trocken und schwimmt oben. Man
weiß es nicht vorher, aber es kommt einem eigentlich alles, wie ein
Erfolg vor. Denn man hat nun Gestalt gesetzt in diesen großen, erhabenen
Markt. Man hat einen konkreten Pflock gehauen in diese Abstraktionswüste.
Langsam entsteht Territorium um unsere Taten herum: Schulen, Begriffe,
historische Erzählungen, Bezugspunkte. Eine fruchtbare Marsch, dem
Meer abgetrotzt. Spätere Künstler hatten nicht mehr dieselben
Erhabenheitsmomente.
Ist also die Verbindung, die wir automatisch zwischen Selbstbestimmung,
innerer Freiheit und sinnvoller Produktion zu ziehen gewöhnt sind,
wenn es um den Beruf, ja die Lebensform des Freien Künstlers geht,
nichts anders als eben einfach nur das Gegenteil abhängig beschäftigter
Arbeit und damit eben nicht eine utopische Produktion, sondern einfach
nur unternehmerische Produktion, das geile, abenteuerliche, aber eben auch
wohl unterstützte Segeln auf der großen, abstrakten ozeanischen
Erhabenheit des Marktes, seiner Unübersichtlichkeit, der Massenhaftigkeit
der an ihm Beteiligten etc.?
Oder gibt es noch andere Möglichkeiten, diesen utopischen Gehalt zu
rekonstruieren? Es ist ja kein Wunder, dass die besondere Freiheit, die
das „für den Markt“ gegenüber dem „für
den Auftraggeber“ brachte, bald umschlug in ein enttäuschtes, „nur
für den Markt“. Der Markt hörte auf, die unüberschaubar
gefährliche wie einladende Abstraktion zu verkörpern, sondern
die Berechenbarkeit. Das Arbeiten für den Markt wurde billig, weil
das das Prinzip des Marktes selber wurde, billig zu produzieren. Der Markt
verlor den Nimbus der Unberechenbarkeit und der großen Aufgabe und
schrumpfte auf genau dasjenige zurecht, das man kennt. Andere Aufgaben
mussten her, für Künstler.
Künstler, die entschieden mehr sein wollten als Unternehmer, findet
man unter den Gesamtkünstlern seit Wagner und Skrjabin. Ihr Einzugsgebiet
ist die ganze Welt, sie wollen mindestens neue Staaten, sie wollen den
Geltungsbereich der Kunst totalisieren. Dies ist nicht einfach eine Steigerung
des alten Unternehmer-Künstlers zu einem Staats-Künstlers, es
handelt sich auch um die Erfindung einer neuen Sorte Kick für Künstler.
Dieser Kick ist der Umschlag von einem Eroberungs- und Verfügungs-Spaß zu
einem immersiven Diktator-Spaß.
Der klassische Unternehmer-Künstler ist Columbus, ich habe in meiner
Meer-Metapher vorhin schon darauf angespielt. Er durchpflügt die Abstraktion
von Markt, aber er ist klar von ihr getrennt. Er will bezwingen, nicht
sich vereinigen oder gar verschmelzen mit dem, was zu durchpflügen
wäre. Dieser Typus hat eher Angstphantasien, die von seiner Verschmelzung
mit dem Markt handeln, mit dem Untergang ins Billige, ins Berechenbare,
aber auch dem ersaufen, sich Verschlucken und Geschluckt werden von der
unförmigen, abjekten Masse, auf der er segelt, der er sich aussetzt,
aber die er in ihrer ganzen Alterität beherrscht, um sie sich vom
Leibe zu halten.
Die proto-modernen Gesamtkunstwerker funktionieren da fast entgegengegsetzt.
Ihre totalen Staaten der Kunst sind zwar auch phallische Beherrschungsphantasien,
die aber durch ihr Totalwerden in ihr Gegenteil kippen. Dies ist den
Beteiligten durchaus klar, sie thematisieren dies. 75 Prozent von Wagner
handelt von
immersiven, todestriebigen Wünschen nach Verschlungenwerden und Sterbenkönnen.
Im Verschlucktwerden. Im Gesamtkunstwerk geht es darum, dass der Preis
für die totale Kontrolle, den totalen Staat, die alle Lebensbereiche
betreffenden Sektenkultur in einem notwendigen und tragischen Untergang
in dieser Sekte besteht. Und der wird selber begehrt. Zugespitzt gesagt
kann man also diese beiden bis hierhin erörterten Künstlermodelle
auf die Modelle Unternehmer und Hitler bringen. Auf erfolgsorientierte
Abenteuer und Todestriebe.
Nun wäre dies nicht nur gewissermaßen unbefriedigend für
die konkreten Künstler und Künstlerinnen, dass ihr Entwurf zwischen
diesen beiden Polen oszillieren müsste, es wäre auch völlig
unzulässig, aus der – eh immer nur virtuellen - Erfüllung
der imaginären Ziele eines Künstlermodells – und es gibt
natürlich auch noch ein paar andere – auf die Subjektivität
der konkreten Künstler und Künstlerinnen als Künstler in
einem wertenden Sinne zu schließen. Man kann Einiges gegen Wagner
sagen: aber er war nicht Hitler. Und die klassischen frühen autonomen
Künstler waren womöglich tatsächlich auch wirklich Unternehmer,
aber das Unternehmer-Modell einer abenteuerlichen Reise auf dem Meer des
Abstrakten war lediglich eine – durchaus leitende – aber eben
nur eine Vorstellung von Publikum, Wirkung und Gegenüber. Mein entscheidender
Punkt bei der Vorstellung dieser beiden utopischen und energetischen Modelle
für Künstlerproduktion und Künstlerwünsche ist eben,
dass es für sie konstitutiv ist, dass sie nicht in Erfüllung
gehen. Ja, dass sie nur deswegen so brutale und brachiale Bilder brauchen,
weil es sich um Aktivitäten handelt, die eben – konstitutiv – nicht
die Schranke übertreten, die sie in ihrer Imagination als überwindbar
sich vorstellen müssen. Sie verhandeln genau die Nichterfüllbarkeit,
die Differenz zwischen dem Abenteuer und der Praxis, auf verschiedene
Art und Weise.
Die entscheidende Frage, die sich für mich angesichts der Utopie-Diskussion,
die sich in den Arbeiten von Elke Marhöfer findet, in diesem Zusammenhang
stellt, ist die, welche Rolle diese Beschreibung für Künstlermodelle
spielt, die in der aufgeklärten Gegenwart spielen. Was hat eine künstlerische
Praxis, die über Künstlermodelle und ihr Funktionieren aufgeklärt
ist, noch zu tun mit der gesamtkunstmäßig notwendigen Verkennung
des symbolischen und Als-Ob-Charakter der Kunst oder als permanentes Leiden
an ihr? Muss auch eine solche Praxis sich energetisch nähren von der
strukturellen Verwiesenheit der Künstler auf die unüberwindliche,
aber produktiv verkannte Grenze zwischen Leben und Kunst? Bleibt das Energiemodell
dieser gegen die Wand rennenden Kunst auch dann erhalten, wenn man einen
Blick von oben auf sich als gegen die Wand rennenden Künstler werfen
kann?
Nun, eine Selbstaufklärung der Künstler und Künstlerinnen über
den Künstlermythos ist spätestens seit den 60er Jahren im Gange.
Dieser Prozess ist darauf gerichtet, in der Kunstpraxis selbst die unbewussten
oder wenig bewussten Mechanismen aufzuspüren, die auf die Abenteurer-,
Unternehmer- und Diktatoren-Modelle des Künstlers zurückgehen.
Dabei gibt es allerdings zwei wichtige Inkonsistenzen. Zum einen ist oft
nicht klar, ob die Kritik, die diesen Prozessen zugrunde lag, sich gegen
das Modell richtet (obwohl das ja konstitutiv nicht verwirklicht wird)
oder ob sie sich gegen das konstitutive Eingeklammertsein richtet. Oder
gegen beides. Schließlich könnte man ja einigen Versuchsanordnungen
durchaus zugute halten, dass sie erstens nicht nur etwas Bestimmtes nicht
mehr nicht realisieren wollen, sondern auch etwas anderes Bestimmtes realisieren
wollen. Schließlich könnte man auch sagen, dass der Selbstaufklärungsprozess,
der ja nicht (oder nicht immer) im eingeklammerten Modus der Kunst stattfand
und statt findet, ja auch wieder ein Modell des Überschreitens der
Kunstgrenze zum Leben hin darstellt.
In dem Maße nämlich in dem Künstler und Künstlerinnen
sich der kommunikativen Institutionen und Kanäle bedienen, die nach
dem Modell des Klartextes oder des Sprechaktes bedienen (des Journalismus,
der Wissenschaft, der politischen Öffentlichkeit etc.), in dem Maße überschreiten
sie auch wieder effektiv die Grenze, die schon Wagner´sches Gesamtkunstwerk
und Rembrandt´sches Unternehmertum überschreiten wollten. Denn
genau diese gelungene Überschreitung lässt aus der Produktion
seltsamer Ich-Ideale ja die Luft heraus. Ihr gelingt was allen Vorläufern
nicht gelungen ist. Allerdings verschmölze sie dann ganz mit der gesellschaftlichen
Institution, der sich eine solche Kunst bediente, sie höre auf Kunst
zu sein. Sie würde die Kunst-interne Utopie verwirklichen, die Grenze
zum Leben hin zu überschreiten, aber sie hätte nichts mehr mit
Kunst zu tun als einem Kraftzentrum Gegenposition einzunehmen (auch wenn
diese Gegenpositionen oft nichts mit gesellschaftlichen Utopien zu tun
hatten, sondern nur als Entwicklungsabteilungen des Bestehenden arbeiteten).
Sie würde sich aber als Kunst abschaffen. Und damit einen Modus, der
strukturell der Utopie verpflichtet ist. Sie wäre nun auf den konkreten
Gehalt der einen gesellschaftlichen Utopie zurückgeworfen. Man müsste
eine Partein gründen.
Heutzutage hat aber gerade die große arrivierte Biennalen-Kunst die
Utopie nicht als strukturelles Moment, sondern als Inhalt, als offen in
den Mittelpunkt gestellten Slogan entdeckt. Projekte wie Utopia Station,
unabhängig von der Qualität der einzelnen Beiträge, haben
die Utopie als ein wenig verpflichtendes, aber sehr weitläufiges und
beruhigend fortschrittliches Label für Kunst entdeckt. Vage dockt
sich dieser Diskurs an einen aufs Gesellschaftliche übertragenen Innovations-Diskurs
an. Künstler haben Ideen, daher sollen sie sich auch die gesellschaftliche
Zukunft vorstellen können.
Damit wird die per Selbstaufklärung der Künstler allgemein bekannt
gewordene Tatsache, dass die Utopie mit der Kunst strukturell verbunden
ist, als eine Art Befehlsform genutzt, um von Künstlern die Unterwerfung
unter das strukturelle Missverständnis zu verlangen, dass diese Verpflichtung
zur Utopie, die Verpflichtung zum geilen, intensiven anderen Leben sich
bitte auch um anschlussfähige schicke Ideen kümmern möge.
So sehr unser Narzissmus und erst recht der künstlerische Narzissmus
uns verpflichtet utopisch zu leben, so sehr bedient er sich dabei der traditionellen
Verpflichtung aufs Utopische, die in der Künstlerrolle steckt.
Die Idee, sich durch maximale Selbstaufklärung über die inneren
Energiemodelle von diesen zu befreien, hat nur dazu geführt, dass
man die Kunst als Kraftquell von Gegenposition ganz aufgeben musste oder
sie zur anschlussfähig narzisstischen Produktion von Glückszwang
verkommen ließ, der ins Persönliche gewandten Utopie, der postfordistischen
Verpflichtung sein eigenes Glücklichsein verlässlich selbst zu
produzieren, um sich besser verkaufen zu können, und nicht den Staat
(oder die Kunst) damit zu belästigen.
Man könnte aber doch auch, und das sehe ich in Arbeiten der hier diskutierten
Künstlerin, die Bedingungen einer potenziell journalistisch gewordenen,
nicht mehr als ob sprechenden Kunst, aufgreifen und parallel, nicht strukturell
verbunden, mit dem künstlerischen Utopismus arbeiten, der aus der
besonderen Zwanglosigkeit und Unbestimmtheit der Lebens- und Arbeitsverhältnisse Übersprungshandlungen,
Größenwahn und Wagner´sches Begehren gewinnt, aber auf
der Ebene der Inhalte und der bewussten Entscheidungen an diese Energien
nicht mehr glaubt, sie nicht für etwas hierarchisch Höheres hält.
Aber zugleich nicht leugnet, dass es sie gibt. Ihre Existenz verdanken
sie genau den Verhältnissen, die Utopie hinter sich lassen will, ihre
Kraft aber der trotzdem aufgenommenen Produktion. Die könnte man Kunst
nennen. Entscheidend ist, dass man nicht aus dieser Produktion an sich,
sondern aus dem, was man per Selbstaufklärung über sie gelernt
hat, aus der journalistischen Ebene sozusagen, ableitet, welche Ziele diese
Produktion oder Kunst haben könnte.
Diedrich Diederichsen,
in den 80ern Redakteur von Musikzeitschriften („Sounds“, „Spex“),
in den 90ern Hochschullehrer für allerlei Fächer wie Kunstgeschichte,
Musikwissenschaft, Angewandte Theaterwissenschaft und Kommunikationsdesign.
Aktuelle Veröffentlichungen: „2000 Schallplatten“ (2000), „Sexbeat“ (2002), „Musikzimmer“ (2005).
Lehrt in Stuttgart, lebt in Berlin als freier Autor für Texte zur
Kunst, Theater heute, Tagesspiegel und tageszeitung. |
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