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Schorsch Kamerun
(über
die Installation "mach dich weg und denke wir")
Ausleuchtung und Preisgabe
Nachdem man das ganze Volk gezählt und mit bohrenden Fragen zu Stand
und Herkunft sauber kategorisiert hatte, trat eine längere Phase bleierne
Ruhe ein im gesamten Erfassungsgebiet. Doch eines Tages und wie aus dem
Nichts, entdeckte man wieder eine jener konspirativen Schriftrollen, welche
Verhältnisse anzweifelte....
Er wolle nicht nur wissen, `wie groß oder klein, dick oder dünn,
krank oder gesund,` seine Untertanen seien, tobte der Herrscher ungehalten
und mit allem ihm zur Verfügung stehendem Nachdruck, vielmehr müsse
er `exakt genau Hineinschauen können in Jene`, wie er sich ausdrückte,
um dann zu entscheiden, wie am besten `mit Denen verfahren zu sei`, welche
er für `die Anzweifler` hielt. Dies sei aber nur `lückenlos gegeben`,
wenn man alle `bis ins Letzte` erkannt habe. Keine leichte Aufgabe. Eine
quälend lange Zeit später wurde der beauftragte Hauptsicherheitsberater
endlich mit einer überraschend kreativen Lösung vorstellig. Dafür
bat er die entscheidenden Landeskräfte sich geschlossen und an nicht
eben gewohnter Stelle zu versammeln. Ort der Präsentation war ein
zu ebener Erde gelegener schmuckloser Raum in der Sicherheitszentrale,
welcher im Besonderen mit einer extra ausgestatteten Bühne eingerichtet
war. An seinen Längsflanken ließen sich ein breiter Hofeingang
auf der linken Seite und ein wesentlich schmalerer Hofausgang auf der rechten
Seite erkennen. Nach hinten heraus war ein dunkler Treppenabgang gegeben.
Endlich nahmen der Herrscher und einiges Gefolge vor der neuen Aufführungserhebung
Platz. Was folgte wurde von einem Marktschreier bedeutungsvoll mit dem
Titel „Ausleuchtung und Preisgabe“ angekündigt. Bald schon
erahnten alle Anwesenden, dass diese Beschreibung keinesfalls übertrieben
angesetzt war. Nach und nach wurden vermeintlich Unbescholtene zentral
auf die Bühne befohlen und ein Aufgebot von Fachleuten begann mit
akribischen Zuschreibungen, allesamt einen längeren Zeitraum betreffend: „Jeden
Morgen Punkt zehn überquert dieser Mann den Marktplatz,“ so
begann ein Uhrmacher über einen verdutzten Untertan zu informieren. „Auf
meiner Zeichnung können sie eine Frau erkennen, mit der er sich immer
Sonntagnachmittags nahe dem Stadttor bespricht,“ beschrieb ein Hofmaler,
sich mit einer kontrastreichen Kohlezeichnung flankierend, denselben. So
ging es Stunden, Tage, schließlich Wochen weiter. Dem Hauptberater
wurde die schwierige Aufgabe zuteil aus den Erregungszügen des Herrschers
zu interpretieren, welche der Berichte ihm besonders missfielen. Und diese
Zuschreibungen waren es dann auch, die zu Denjenigen passten, die dann
direkt von der Bühne nach hinten in eine Strafgrube gestoßen
wurden. Trotz höchster Effektivität genoss aber auch dieses unrühmliche
Verfahren wieder nur eine recht kurze Laufzeit. Denn, sobald das Volk seinen
voyeuristischen Charakter erkannt hatte, kopierte es den demütigenden
Ablauf mit allen peinlichen Konsequenzen. Nur das die (und scheinbar völlig
freiwillig!) am schlimmsten Ausgestellten nicht etwa geächtet wurden,
sondern sich als Neue Helden Der Moderne auf dem Marktplatz feiern lassen
konnten!
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